Die zwei Gesichter des Handelsblatts

In der Debatte um das Urheberrecht wurde ja verschiedentlich betont, dass die Autoren einerseits und die Reformer andererseits gar nicht notwendig auf unterschiedlichen Seiten stehen, dass also – wenn man schon das Augenmerk auf die sicherlich auch vorhandenen Differenzen legt – eher von zwei Seiten einer Medaille als von zwei unvereinbaren Gegensätzen die Rede sein sollte.

Sehr schön deutlich wird das immer dann, wenn eine dritte Partei auftritt – etwa Verlage. Diese haben nun naturgemäß eine eher pragmatische Beziehungen zu den Persönlichkeitsrechten der Autoren und könnten sicher auch sehr gut mit dem angelsächsischen Copyright leben. Für sie ist es also letztlich nur von Interesse, dass das jeweilige Schutzrecht das nötige Instrumentarium bietet, um die eigenen (kommerziellen) Interessen zu wahren und durchzusetzen.

So gesehen kann man sich wohl in der Tat Gedanken darüber machen, ob nicht beispielsweise der ein oder andere schlecht recherchierte SZ-Bericht zum Thema Urheberrechtsreform auch darauf zurück zu führen ist, dass es den Verlagen ganz gelegen kommt, wenn die Künstler (gegen die kann ja keiner was haben!) im Namen der Kultur und der schönen Dinge überhaupt das Schreckgespenst von Verfall, Banausentum und Ignoranz an die Wand malen.

Das erklärt auch, warum beim Piraten-Bashen und Panik-Machen immer so gerne auf O-Töne von mehr oder minder bekannten Künstlern zurück gegriffen wird: Aus den Zitaten lassen sich immer wieder neue Artikel und Kommentare generieren, die jeweils der aktuellen Gefahrenlage angepasst werden. So erweckt man schnell den Eindruck, hier werde aus erster Hand berichtet – die Künstler müssen es ja wissen! Künstlerkummer ist also billiges Material und befreit die Verlage von der Verlegenheit, in “eigener Sache” schreiben zu müssen, dass man doch bittesehr bei der Urheberrechtsreform nicht an ihre Pfründe gehen möge. Das liest sich nicht sehr neutral und sorgt beim Leser womöglich noch für kritische Fragen.

Dass Verlage auf der einen Seite und Autoren auf der anderen Seite stehen können, zeigt aktuell sehr schön ein Beitrag im Handelsblatt. “100 Autoren provozieren Netzpiraten” heißt es da. Während sich das Handelsblatt also im Künstlerkummer suhlt und scheinbar uneigennützig den armen Autoren ein Forum bietet, berichtet Thomas Stadler darüber, wie das Handelsblatt geschäftlich mit den Autoren zu arbeiten scheint. Dabei räumt sich das Blatt nach der Darstellung Stadlers weitreichende Nutzungsrechte an dem Werk der Autoren ein – inklusive des Rechtes, die Nutzungsrechte auf Dritte zu übertragen.

Stadler findet für diese Praxis deutliche Worte und spricht u.a. von “Knebelverträgen”. Außerdem verlinkt er einen offenen Brief eines betroffenen Autoren: Dieser wendet sich darin an das Handelsblatt und tut seinen Unmut über diesen Versuch des “Total Buyouts” kund.

Ich denke, dass dieser Fall sehr deutlich macht, wie sich einige Autoren von den Verlagen einspannen lassen, obwohl die Verlage durchaus als Teil des Problems bezeichnet werden können. Leider scheint die Argumentationsstrategie “das Internet und die Kostenloskultur sind schuld!” bei vielen Autoren zu verfangen. Gleichzeitig zeigt der offene Brief von Matthias Spielkamp aber auch, dass es Autoren gibt, die sich von den Verlagen nicht in diese unkritische Klagerolle drängen lassen.

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