Kritik der Lobhudelei

Amazon-Rezensionen sind eine Welt für sich. Sieht man von bösartigen Kampagnen ab, gibt es noch immer eine große Menge Unkraut im Amazons Bewertungsgarten. Neben Bewertungen, die sich gar nicht auf das Produkt beziehen (Versand etc.), finden sich unsachliche Schmähkritiken, schlimmstes Kauderwelsch und Fälle von PEBKAC.
Sehr gerne – so habe ich den Eindruck – bewertet man aber auch sehr gut. So sind besonders die Negativ-Bewertungen in aller Regel einen Blick wert: Nicht selten wird dort übereinstimmend und glaubwürdig über Probleme berichtet, von denen in den positiven Rezensionen kein Wort erwähnt wird.

Während ich mich mit der Amazon-Bewertungswelt aber durchaus noch abfinden kann, bin ich doch sehr irritiert über das, was sich in der YouTube-Technik-Review-Szene so abspielt. Wer bei YouTube nach einem aktuellen Smartphone sucht, findet Video-Reviews in allen Sprachen und Dialekten, vom kurzen “Hands on”-Clip bis hin zur Besprechung in Spielfilmlänge. Einige dieser Kanäle haben deutlich mehr als 1.000 Videos produziert, haben für ihre Clips ein Corporate Design oder sogar eine feste Dramaturgie für die Produktvorstellungen. Fast schon obsessiv wirken die abertausend Unboxing-Videos. Dort wird nach dem Öffnen des Originalkartons das Produkt erstmal zur Seite gelegt, um ausführlich die im Karton befindlichen Anleitungen, Kabel und Tüten zu besprechen. Nicht fehlen darf dabei die Bemerkungen, dass die Anleitungen ja ohnehin von niemanden gelesen würden. In Video gegossene Philosophie!

Was der Verpackung bereits an Enthusiasmus entgegen gebracht wird, setzt sich bei dem Produkt dann gerne in a) unkritischer Begeisterung oder b) nüchternem Faktenaufzählen und Zeigen fort. Außerdem wird bei jeder Besprechung eines Android-Smartphones das System stoisch von Grund auf neu erklärt. Einem Satz wie “Das Phone kommt wie zu erwarten mit Android 2.3.6 Gingerbread und natürlich mit Samsungs TouchWiz-Oberfläche” sollte in Zeiten des Hypertexts mit entsprechenden Links Rechnung getragen werden – nicht mit der millionenfacher Redundanz!

Obwohl einige Technik-Reviewer mittlerweile das Glück zu haben scheinen, kostenlose Rezensionsexemplare nutzen zu können (vll. missbrauchen sie aber auch nur ihr Widerrufsrecht bei Amazon), scheint die Distanz zum Produkt in aller Regel nicht all zu groß zu sein. Manche Videos verkommen dabei regelrecht zu Werbeveranstaltungen – ein Phänomen, das man bereits kennt, immerhin machen sich bei YouTube einige prominente “YouTuber” zu Werbefiguren.

Auch wenn die Ausstattung einiger Rezensenten durchaus gut zu sein scheint (hochwertige Kameras, spezielle Aufnahmekabinen oder klarer Nagellack zeugen von einer gewissen Professionalisierung), werden bei den Besprechungen in aller Regel altbekannte Fakten wiedergekaut: Auflösung des Bildschirms, Auflösung der Kamera, Größe des Akkus und Größe des Gerätes sind solche Standard-Informationen, die zuverlässig in jedem Video angepriesen werden. Auch die Position der Lautstärken-Wippe und die Frage, ob und wie diese beschriftet ist, scheint zu den elementaren Fakten rund um den mobilen Begleiter zu gehören. Dafür wird dann bei der Qualitäts-Bewertung in der Regel auf alle belastbaren Daten verzichtet: Klang, Kamerabild oder Verbindungseigenschaften werden ebenso subjektiv bewertet, wie beispielsweise die Eigenheiten des Bildschirms. Das höchste der Gefühle ist in einigen Fällen ein angehängter Download-Link, der zu mit dem Testgerät erstellten Fotos und Videos führt. So kann man sich zumindest selbst ein Bild machen.

Insgesamt kann ich gut verstehen, dass sich diese Produkt-Reviews großer Beliebtheit erfreuen. Sie verbinden Information, Vorfreude und natürlich nette Berieselung aus der schönen Welt des HighTechs. Wenn man sich aber tatsächlich mal viele Videos zu dem selben Gerät ansieht, stellt man schnell fest, dass über einen gewissen Basissatz an Informationen hinaus selten Weiterführendes besprochen wird. Vor allem fehlt es aber an fundierter Kritik. So werden in Computerzeitschriften und den dazugehörigen YouTube-Kanälen bisweilen Probleme angesprochen, die bei den Semi-Professionellen Testern unter den Tisch fallen.

Natürlich gibt es Ausnahmen, bei denen eine erfrischende Distanz zu den Testprodukten zu spüren ist. Die Regel ist es aber in meinen Augen nicht. Ebenso wie die eingangs erwähnten Amazon-Rezensionen sind die Technik-Reviews als mit Vorsicht zu genießen: Hier tummeln sich Privatpersonen, die begeistert mit ihrem Neuerwerb prahlen neben Semi-Professionellen Testern, bei denen nicht ganz klar ist, ob und in wie weit sie mit den Herstellern / Zulieferern kooperieren. Selbst wenn wir jetzt mal nicht unterstellen, dass diese Tester einseitige Produktwerbung betreiben: Einen ausführlichen Alltagstest dürften die Geräte in den seltensten Fällen hinter sich gebracht haben – ganz zu schweigen von kritischen Überprüfungen der Herstellerangaben.

Auch wenn viele Videos also vor vermeintlichen Fakten nur so zu strotzen scheinen – man sollte sie mit Vorsicht genießen. Ein Blick in einschlägige Foren können sie in aller Regel nicht ersetzen – wohl aber die Zeit beim Warten auf den Paketboten verkürzen.

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