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Gesellschaft
Mediengesellschaft!
17. Aug
Ich habe mir ja tatsächlich mal einige Ausschnitte der Anne Will-Sendung zum “Fall Kachelmann” angetan. Wie immer eher zum Abgewöhnen und wie so oft war die Themenfindung anscheinend eher von Sensationslust, Sommerloch und Scheinheiligkeit als von seriösem Journalismus geprägt. Aber geschenkt.
Anwesend waren unter anderem Alice Schwarzer und Hansjürgen Karge – letzterer ist anscheinend als Staatsanwalt im Fall Michel Friedman durchaus bekannt geworden. Diesem eher medienkritischen Lager saßen eine Kolumnisten (“Gerichtsreporterin”) des Spiegel (Giesela Friedrichsen), ein Promi-Anwalt und Hans-Hermann Tiedje (Ex Bunte/Bild Chefredakteur) gegenüber. Dieses Lager versteifte sich im Laufe der Sendung wesentlich darauf, dass die Staatsanwaltschaften eigenmächtig, vorschnell und illegitim Informationen über die Verfahren an die Presse herausgeben und damit immer wieder verhafteten Prominenten geschadet haben.
Ich habe dieses Verhalten der Staatsanwaltschaften ja auch mehrfach schon sehr erstaunt festgestellt (Tauss, No Angels-Sängerin oder eben Kachelmann) und ging daher durchaus voreingenommen in die Sendung. Die plumpe Art, wie das Medienlager, das jedes “durchgesickerte” Detail aus den Staatsanwaltschaften gleich zu einer Nachricht verwurschten, aber einseitig die Staatsanwaltschaften beschuldigten, fand ich doch etwas befremdlich: Da sitzt eine Gerichtsreporterin, deren Selbstverständnis es anscheinend ist, aus den Informationsbröseln Nachrichten zu stricken und damit direkt vom (vermeintlichen) Fehlverhalten der Staatsanwaltschaften profitiert. Und diese Frau ist nicht in der Lage anzuerkennen, dass ihr eigener Arbeitsplatz vielleicht ein Teil des Problems ist? So hat etwa Hansjürgen Karge mehrfach betont, dass die Staatsanwaltschaften (STA) in den meisten Fällen gar nicht initiativ tätig werden und letztlich nur irgendwann den anrufenden und herbeieilenden Journalisten bestätigen, was diese ohnehin schon wissen – woher auch immer. Nun mag man auch das als Fehlverhalten der STA betrachten – Tatsache ist aber anscheinend, dass die STA in vielen Fällen auch nur auf die Gerüchte, Andeutungen und Nachfragen reagieren, die ihnen an- und zugetragen werden.
Auch hier fand ich den Standpunkt Karges durchaus verständlich: Dieser beklagte, dass den Reportern oftmals jedes Feingefühl abgehe und diese schonungslos alle verfügbaren Informationen publizieren – wie intim oder problematisch diese auch sein mögen. Diese in meinen Augen berechtigte Kritik brachte ihm aber nur verächtliche Kommentare ein. Sein “wo leben wir eigentlich?” wurde von Tiedje mit “im Deutschland des 21. Jahrhunderts” beantwortet, Friedrichsen belehrte ihn etwas später, dass wir ja immerhin in einer Mediengesellschaft lebten und Karges altertümlichen Ansichten – so die unterschwellige Botschaft – doch bitte der Realität anzupassen seien.
Mediengesellschaft? Was soll das bedeuten? Dass die gesellschaftlichen Normen von Medien bestimmt werden? Dass Normen durch die Interessen der Medien eine Einschränkung erfahren? Dass Klatsch- und Tratschjournalismus unter dem Deckmantel des “Gerichtsjournalismus” Pietät und Rücksichtnahme einfach fahren lassen kann? Die Informationsgesellschaft (und das ist sicher eher der Begriff, der hier gemeint ist) hat erstmal wenig mit der Frage zu schaffen, ob und in wie weit Medien das Recht haben, tragische Ereignisse zu instrumentalisieren, um Sensationen zu generieren. Das wurde gerade bei den jüngsten Amokläufen an Schulen offensichtlich, nach denen offensichtlich verstörte und traumatisierte Kinder vor die Kameras gezerrt wurden. Es gibt sicher viele interessante Aspekte, die unsere Gesellschaft als “Informationsgesellschaft” ausweisen. Aber hierbei handelt es sich eben um ein deskriptives Modell, das den Umgang und die Bedeutung von Medien (oder eher: Informationen) in unserer Gesellschaft beschreibt. Es ist kein “Ermächtigungsprinzip”, das vormals/jeher falsches Verhalten seitens der Medien heute plötzlich legitimieren würde.
Aber es kam noch besser: Die Medienvertreter bewiesen nicht nur, dass sie Worthülsen wie “Mediengesellschaft” durchaus für bare Münze nehmen, auch in anderer Hinsicht schien einigen Anwesenden das Reflexionsvermögen abzugehen:
In der Debatte wurde nämlich auch erwähnt, dass Kachelmann sich nach seiner Haftentlassung zu verschiedenen Fragen von Reportern “eingelassen” habe. Karge fand die Ausstrahlung diese Einlassungen sehr problematisch – immerhin würde hiermit die Öffentlichkeit einseitig beeinflusst und das Opfer – so Karge weiter – wolle ja eh niemand senden/hören. Darin irrt sich Karge zweifelsohne: Das (vermeintliche) “Kachelmann-Opfer” im Interview wäre sicher die Art von Sensation, nach der sich jeder (private?) Sender die Finger leckt. Trotzdem ist die Lage asymmetrisch: Vermeintlicher Täter und Medienprofi auf der einen Seite, vermeintliches, unbekanntes Opfer auf der anderen Seite. Während Kachelmann eigentlich wenig zu verlieren hat und durch seine “Öffentlichkeitsarbeit” seinen Ruf aufarbeiten/retten will, ist ein vermeintliches Vergewaltigungsopfer offensichtlich nicht daran interessiert, mit Namen und Bild in allen Medien zu erscheinen. Diese Frage spielte in der Diskussion aber keine Rolle: Viel interessanter war es da anscheinend, ob die öffentlichen Einlassungen Kachelmanns “strategisch” klug waren – ob die Ausstrahlung eben dieser eine unzulässige oder zumindest fragwürdige Einseitigkeit darstellen, war darüber hinaus kein Thema.
Zermürbungsstrategie? Eine Glosse
22. Jul
Man muss nicht besonders häufig fernsehen um festzustellen, dass Fernsehsender in einer Sache ganz besonders vorbildlich sind: Im Recycling: Ob alte Serien, Filme oder auch nur Einspieler in “Edutainment”-Formaten: Es wird wiederholt, zusammengeschnitten und wiederverwertet was das Zeug hält.
Was ich dabei aber merkwürdig finde: Gerade bei einem hier nicht näher genannten “Edutainment”-Format auf einem namensgebenden Sender der ProSiebenSatz.1-Media AG werden nach meiner Einschätzung besonders gerne alte Clips wiederverwertet. Zyniker würden vielleicht sogar behaupten, dass man bei besagter Sendung mehr Energie darauf verwendet, alte Schnippsel zu Bestenlisten zu arrangieren, als für die Gestaltung der restlichen Sendung. Auch habe ich den Eindruck, dass teilweise ganze “Berichte” und “Reportagen” einfach aus dem eigenen Archiv übernommen werden.
Das ist nun sicher keine Todsünde. Ich frage mich allerdings ernsthaft, ob der gemeine Zuschauer bereits so abgestumpft ist, dass er nicht bemerkt, wenn in der ihm täglich vorgesetzten Edutainment-Suppe immer wieder Nudeln und Klöße vergangener Tage schwimmen.
Hier stellt sich zum einen die Frage, was von der vermeintlich dicken Suppe übrig bleibt, wenn die ganzen alten Klöße und Schmankerl abgeschöpft wurden? Das dünne Moderations-Blabla und die günstigen Fußgängerzonen-Intermezzos sättigen kaum und machen auch wenig Appetit auf mehr. Zum anderen drängt sich mir in letzter Zeit auch zunehmend der Verdacht auf, dass der Zuschauer hier vielleicht ganz gezielt verblödet werden soll. Jeden Tag etwas mehr Wasser macht die Suppe langsam immer dünner – und der arme Tropf an der Fernbedienung am Suppenlöffel merkt es kaum. Und selbst wenn er es bemerkt, beginnt er an sich zu zweifeln: Ein déjà-vu womöglich? Trüben die vielen Geschmacksverstärker seine Wahrnehmung?
Was geschieht mit einem Menschen, der täglich nur vermeintlich Neues vorgesetzt bekommt? Wie stumpf muss man sein, um das ohnehin wenig unterhaltende und noch weniger informative Format auch dann noch zu ertragen, wenn es immer wieder mit Wiederholungen belangloser und unsinniger Berichte gespickt wird? Der Zuschauer wird durch diese schweigend durchgesetzte Sparmaßnahme des Senders immer mehr zur intellektuellen Deprivation gezwungen. Nicht, dass es zuvor eine ausgeprägte Erwartungshaltung des Fernsehopfers gegeben hätte – aber ganz langsam, still und heimlich wird immer wieder Altbackenes in ein Programm eingestreut, das ohnehin vollgestopft ist mit Belanglosem und Aberwitzigem. Die Sender trainieren ihre Zuschauer darauf, nicht mehr nach Kultur oder Anspruch, ja nicht einmal nach bloßer, schnöder Unterhaltung zu gieren: Das bloße Rauschen von Informationen, Unterhaltung so abwechslungsreich wie ein Vuvuzela-Konzert-Marathon, soll dem Eingelullten bereits den pawlowschen Reflex abringen.
Glaubenskrieg?
19. Jul
Der Journalist Thomas Kerstan setzt sich in “Die Zeit” der letzten Wochen mit der Schulreform in Hamburg auseinander. Grundton: Bei dem Volksentscheid handelt es sich von einem Kampf von Glauben gegen Vernunft – wobei der Glaube auf der Seite der Befürworter, die Vernunft auf der Seite der Gegner zu verorten sei.
Zwar mag Kerstan in mancherlei Hinsicht Recht haben: Natürlich bindet die hitzig geführte Debatte um die Primarschule viele Ressourcen, die man besser an anderer Stelle einsetzen könnte. Und natürlich gibt es ausreichend Studien, die darauf hinweisen, dass die Schule allein den starken Einfluss des sozialen Hintergrunds nicht auszugleichen vermag: 6 Klassen Primarschule allein machen das Bildungssystem also nicht weniger ungerecht.
“Ungerecht” ist es aber, vage Koinzidenzen implizit als zusammenhängende Fakten zu verkaufen: Die Tatsache, dass es in Belgien und den Niederlanden Primarschulen gibt und Pisa diesen Ländern noch größere Bildungsungerechtigkeit bescheinigt, macht aus den Primarschulen noch keine sozial ungerechten Schulen. Wenn man schon so argumentiert, sollte man auch Beispiele wie Finnland nicht unberücksichtigt lassen – hier gibt es ebenfalls Primarschulen und – soweit ich das überblicke – gute Noten in Sachen Bildungsgerechtigkeit. Selektive Beispiele und bloße Koinzidenzen zeugen sicher nicht von einer “vernünftigen” Argumentationsweise.
Was Kerstan m.E. völlig unterschlägt, ist, dass die Debatte um die Primarschule auch eine stark ideologische Komponente hat – auf beiden Seiten: Wenn Kerstan schreibt “die bei bei den Eltern beliebten Gymnasien [erbringen] ganz passable Leistungen”, verschweigt er, dass es hier nicht allein um Bildungsgerechtigkeit und Bildungserfolge geht, sondern auch um Bildungseliten: Genau diese setzen sich nämlich in Hamburg für den Erhalt des bisherigen Schulsystems ein: Sie fürchten schlicht, dass “zu viel Gleichmacherei” ihren Kindern den wertvollen Vorsprung rauben könnte, den sie vermeintlich errungen haben. Kerstan stellt – auch in anderen seiner Artikel – gerne darauf ab, dass die soziale Herkunft das eigentliche Problem des Bildungssystems in Deutschland sei:
Es war Berlin, wo die Kinder sechs Jahre lang gemeinsam die Grundschule besuchen. Dort ist die Leseleistung der Schüler [...] am stärksten an ihre soziale Herkunft gekoppelt.
Es ist schlicht Augenwischerei so zu tun, als hinge die frühe Aufteilung der Schüler in Leistungsträger und Leistungsnieten damit nicht zusammen! Wenn in Deutschland der Bildungserfolg maßgeblich von der sozialen Herkunft abhängt, dann muss doch ein Schulsystem, das die Schüler (auf Grund ihrer Bildungserfolge) frühzeitig auf- und einteilt, als Teil des Problems begriffen werden. Natürlich ist das soziale Problem das vorgelagerte Problem – Strukturen, die darauf aufbauen und zur Verschärfung des Problems beitragen, sollten aber nicht Vorschnell von der Debatte ausgeschlossen werden.
Ich halte viele Forderungen Kerstans für zutreffend: Frühzeitige Hilfsangebote für Problemfamilien, ggf. Sprachförderungen: “Rein in die Familien!” gewissermaßen. Auch die Forderung nach einer Politik, die “pragmatisch, gestützt auf Erkenntnisse der Bildungsforschung, unsere Schulen voranbringt” ist nun sicher nichts, womit sich Kerstan großen Widerspruch einfangen wird. Irgendwie wirkt sein Standpunkt aber auch reichlich neo-liberal: Beibehaltung aller Privilegien für die Bildungsgewinner und eine warme Empfehlung an die Bildungsverlierer: “Seht mal zu – das könnt ihr auch”. Ob es in Deutschland in nächster Zeit zu einer grundlegenden Sozialreform kommt, die die Verlierer nicht immer weiter ins Abseits stellt, wage ich stark zu bezweifeln. Kergans Hauruck-Rhetorik wirkt unglaubwürdig angesichts allgegenwärtiger Abstiegsängste und der westerwellschen Reden von “Weniger Staat – mehr Eigenverantwortung”.
Eier, Samen, Leben
15. Jul
Der Tagesspiegel findet die Ansicht der katholischen Kirche, Leben entstünde bereits bei der Verschmelzung von Ei und Samen, reichlich exotisch. “Wer diese Prämisse teilt, kann sich der Konklusion (Straffreiheit von PID als “eugenische Indikation”) kaum entziehen”, doziert der Tagesspiegel. Aber – so der Tagesspiegel weiter – ist die Prämisse überhaupt haltbar? Die weiteren Überlegungen des Tagesspiegel muten aber durchaus merkwürdig an:
- Historisch und weltweit gesehen sei der Standpunkt (Ei+Samen=Leben) eher exotisch.
- Selbst die Katholiken hätten das lange Zeit anders gesehen – und die Grenze mehr oder weniger ad hoc (ergo willkürlich) festgelegt.
- Durch den wissenschaftlichen Fortschritt und beispielsweise Ultraschall-Aufnahmen bauen die Menschen emotionale Beziehungen zu jungen Embryonen auf. Auch deswegen habe sich der Standpunkt der Katholiken etablieren können.
- Wäre der Standpunkt der Katholiken zutreffend, wäre der Mensch ja neun Monate älter, als es in seinem Pass steht. Er dürfe neun Monate eher seinen Führerschein machen und sich auch entsprechend Eher pensionieren lassen (steht da wirklich!).
- Puristen würden – moralisch gesehen – kaum einen Unterschied zwischen Abtreibung von Embyonen und Massenerschießungen von Kindern ausmachen.
- Wenn Föten bereits den Schutz des menschlichen Lebens in Anspruch nehmen könnten, müsste man Schwangere, die rauchen, trinken oder Drogen konsumieren, wegen Körperverletzung belangen.
Abschließend mahnt der Tagesspiegel noch an, in derartig elementaren Fragen der Moral keine einseitigen und puristischen Standpunkte anzunehmen, die sich lediglich aus der Angst vor dem “Verlust der Maßstäbe und dem Triumpf der Willkür” speisen.
Ich finde diesen Artikel äußerst fragwürdig. Ob und in wie weit Ausführungen wie die folgende moralisch verwertbar sind, wird wohl unter den Menschen äußerst umstritten sein:
Dem zufolge ist sind [sic!] PID und embryonale Stammzellen-Forschung weniger verwerflich als die Abtreibung eines zweimonatigen Embryos, und diese wiederum ist weniger verwerflich als die Tötung eines zweijährigen Kindes.
Auch wenn der Tagesspiegel es mit dem Verweis auf die Verstandeskraft des Menschen abtun will: Prinzipiell ist nicht ausgeschlossen, dass es absolute Grenzen gibt. Und warum sollten diese Grenzen nicht genau da liegen, wo der menschliche Verstand sich kaum mehr ein Urteil bilden kann? Wo beginnt das Leben? Der Tagesspiegel weiß diese Frage natürlich auch nicht zu beantworten und schlägt stattdessen eine Staffelung von Verwerflichkeiten vor, die das grundlegende Problem – das der Grenzziehung – einfach unterschlägt. Denn warum ist die PID “weniger verwerflich als die Abtreibung eines zweimonatigen Embryos”? Ist “weniger verwerflich” “gar nicht verwerflich”? Wann wird die Verwerflichkeit zu einem Tabu oder gar Verbot? Wie viel Verwerflichkeit wird durch wie viel Notwendigkeit aufgewogen? Geht das überhaupt?
Wie auch immer man zu dieser Debatte steht – die Argumente des Tagesspiegels wirken auf mich fast schon albern. Was soll das Führerschein-Beispiel in dieser Debatte? Und warum sollte es – für einen Vertreter einer solchen Position – eine “absurde Konsequenz” sein, Frauen wegen Körperverletzung des werdenden Kindes zu belangen, wenn sie rauchen? Das mag schlimmstenfalls drastisch sein – aber doch nicht absurd? Warum ausgerechnet dieser Artikel eine Verlinkung im LawBlog verdient hat – keine Ahnung.
Homöopathie-Debatte
13. Jul
In Deutschland läuft gerade eine neue Homöopathie Debatte an – und wie es der Zufall so will, hat sich jenseits des großen Teiches auch schon jemand Gedanken zu dem Thema gemacht!
Die Kolumne der Madame Bovary
11. Jul
Mit den Magazin-Beilagen in Zeitungen ist das immer so eine Sache. Neben bisweilen netten Ideen, Kolumnen und Artikeln (“Deutschland in Zahlen” im Zeit-Magazin oder “Die Gewissensfrage” im SZ-Magazin), finden sich immer wieder auch Texte, die schlicht zweifeln lassen. So war im SZ-Magazin dieser Woche folgende Kolumne zu finden: “Das recycelte Kleid“. Dort wird eine “schreckliche” Entdeckung diskutiert: Michelle Obama trägt ihre Klamotten mehrfach! Ob man es glaubt oder nicht: Die Präsidentengattin ist sich nicht zu schade, ein einmal getragenes Kleid ein weiteres Mal anzuziehen.
Während sich der/die durchschnittliche Leser/in vermutlich wundert, was daran nun besonders neu oder gar aufregend sein soll, echauffiert sich die Autorin der Kolumne darüber, dass dies gewissermaßen der Gipfel der Anbiederung und Unaufrichtigkeit sei:
Michelle Obama recycelt ihre Klamotten. [... Es] ist natürlich einmal mehr genau das, was wir alle tun. Bloß, und das ist der große Unterschied: Wir tun es AUS NOT. [...] Es ist außerdem mit einiger Sicherheit anzunehmen, dass Frau Obama die Ausgaben für Kleider zu Repräsentations- zwecken nicht aus eigener Tasche bezahlen muss. [...] Nein, es ist ganz klar: Die Recyclerei soll die Normalität von Michelle Obama unterstreichen. Und das ist, wenn man darüber nachdenkt, gar nicht mal so sympathisch, sondern irgendwie zynisch. Denn: Sie ist nun mal nicht wie wir. Punkt. Der Versuch, authentisch zu sein, verkehrt sich in dieser Anlage in sein genaues Gegenteil.
Mir scheint dabei die Einstellung der Autorin das zu sein, was man als zynisch bezeichnen muss. Ist das mehrfache Tragen von Kleidung tatsächlich etwas, das man “Not” nennen sollte? Ich weiß nicht – vermutlich soll hier Flair und Stil von Sex and the City-Kolumnisten Carrie Bradshaw (ja, das musste ich in Wikipedia “recherchieren”) nachgeahmt werden: Die Frau als das gierige Subjekt, gefangen in Alltag und Realität, begierig nach Jetset, Glamour und Schickeria. Eine Frau, die all dies hat und sich verhält wie eine “Bürgerliche”, wirkt herablassend und “zynisch”: Sie hat die Erschwernisse des Alltags hinter sich gelassen, könnte den vermeintlichen “Traum jeder Frau” leben – und beleidigt stattdessen all diejenigen, die zu ihr aufsehen, indem sie sich mit ihnen gemein macht, weil sie so tut, als sei es nicht gemein und bedauernswert, Kleidung zu “recyclen”.
Allerdings wirkt die Kolumne weder brilliant, noch modern oder witzig. Sie wirkt provinziell, weil sie unvernünftige und aberwitzige Hollywood-Vorstellungen zum Maßstab des echten Lebens macht. Weil sie den blind-materialistischen Kult des Wegwerf-Konsums anhimmelt und das Nicht-Wegwerfen (also die normale Nutzung) zum “Recycling” degradiert – indem sie also aus dem gewöhnlichen Mehrfachtragen von Kleidung ein “Wiedernutzbarmachen” von Veraltetem und Unbenutzbarem macht. Die Autorin inszeniert sich als Emma Bovary, die den Alltag zum Unwirklichen und das Unwirkliche/die Schwärmerei zur Realität macht. Das zeigt sich m.E. besonders darin, wie Wegwerfkultur und Dekadenz geradezu mit Nächstenliebe, Rücksicht und Nachhaltigkeit gleichgesetzt werden:
Ihre Aufgabe ist es, zu repräsentieren. Nicht viel mehr als das. Da ist es nicht zu viel verlangt, jeden Tag etwas anderes anzuziehen. Es ist sozusagen ihre Pflicht: Sie könnte damit jedes Mal einem neuen jungen Designer zur großen Chance verhelfen.
Natürlich! Der Wegwerfkult ist wahre Nachhaltigkeit: Denn so speist die Präsidentin die Armen und Bedürftigen an den Nähmaschinen dieser Welt! Und gewiss wird das ein oder andere Kleid auch auf Auktionen und in Second Hand-Boutiquen dankbare Abnehmerinnen finden. Kleine Emma Bovarys werden sich der abgewetzten Einmalklamotte annehmen, um sie vor ihren Freundinnen als Neuware zu präsentieren – und sie gleich danach für immer in den Untiefen des Kleiderschrankes verschwinden zu lassen.
Ist Sarrazin der Beweis?
10. Jun
Wir werden auf natürlichem Weg durchschnittlich dümmer.
Nein, ist er natürlich nicht. Denn das, was er da anscheinend wieder von sich gegeben hat, hat nichts mit Dummheit, “Herz auf der Zunge tragen” oder Naivität zu tun: Das ist nach meinem Empfinden schlicht übelster Rassismus. Aber wie immer wird Sarrazin vermutlich weggelächelt. Und irgendwo brüllen die doofen Deutschen dann wieder: Recht hat er! Wir werden immer blöder! Ausländer rauben unsere Denkansätze!
//Nachtrag:
Bei SpOn gibt es einen schönen Überblick über das – äh – Œuvre von Sarrazin. Besonders gut mit einem Autopager zu betrachten.
Nur so als kleines Schmankerl (Quelle ist besagte “Fotostrecke”):
“Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht.”
Über eine Studie, die zeigte, dass immer mehr Kinder hungrig zur Schule kommen
Irgendwie scheint Sarrazins Rhetorik zu einem guten Teil darauf zu basieren, drastische Sachverhalte und Probleme zu verharmlosen und den Betroffenen etwas weniger Flennerei nahe zu legen: Wer sich die Heizung nicht mehr leisten kann soll sich halt einen warmen Pullover anziehen, wer hungert braucht ohnehin mal eine Diät und für diejenigen, für die warmes Wasser ein Luxus ist, empfiehlt sich kaltes Duschen für den Kreislauf.
Und der Rest seiner Rhetorik besteht anscheinend aus der Dramatisierung und Übertreibung von (vermeintlichen) Missständen (“Kopftuchmädchen”).
Yet another SpOn Recherche Panne (Yasrp)
10. Jun
Spiegel Online – das deutsche Qualitätsnachrichteninternetmagazin – äußert sich topaktuell zu dem derzeitigen Ärger um unsere Familienministerin Kristina Schröder.
Am Ende des Artikels weiß SpOn sogar, warum die gute Frau sich zur Zeit nicht mehr äußert – ganz klar: Sie hat einen neuen Twitter-Account: “Dr_KSchroeder”.
Dumm nur, dass es sich dabei um ein recht offensichtliches Fake handelt. Diesen Lapsus korrigiert SpOn etwas später – natürlich ohne entsprechenden Hinweis auf das vorherige Versehen:
Wenig später:
Ganz richtig ist diese vermutlich überhastet eingefügte Korrektur freilich auch nicht: Denn warum ist die Pause offensichtlich? Vielleicht doch lieber “vermutlich”? Oder dem Anschein nach? Und wenn über die Twitter-Zukunft unserer Familienministerin noch nichts bekannt ist hat sich doch auch eigentlich niemand zu früh gefreut, oder? Zu früh “besser gewusst” hat es aber mal wieder SpOn. Ganz schön peinlich. Zumal die falsche Kristina Schröder bei Twitter sehr leicht zu erkennen ist: Denn so absurde Positionen werden ihr selbst die Kritiker nicht unterstellen wollen.
//Nachtrag:
Kaum geschrieben gibt es auch schon wieder Neuerungen: SpOn steht zu seiner Korrektur.
Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?
10. Jun
Nachdem unsere Familienministerin sich bei Twitter äußerst “unglücklich” zum Thema Hartz IV geäußert hat, läuft im Netz gerade die Mem-Maschinerie heiß.
Besonders schön dazu ist übrigens Fefes Blog, wo sich verschiedene Bilder zum Thema finden.
Und inhaltlich? Die Schröder hat erneut Beweis gezeigt, wie sie tickt (wie bei ihrem damaligen Cortison-Vergleich). Aber irgendwie ist ja auch Hartz IV “wie Cortison – die Symptome verschwinden, die Ursachen bleiben.” Wenn das kein Argument ist…




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