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Beiträge getaggt mit Anne Will
Mediengesellschaft!
17. Aug
Ich habe mir ja tatsächlich mal einige Ausschnitte der Anne Will-Sendung zum “Fall Kachelmann” angetan. Wie immer eher zum Abgewöhnen und wie so oft war die Themenfindung anscheinend eher von Sensationslust, Sommerloch und Scheinheiligkeit als von seriösem Journalismus geprägt. Aber geschenkt.
Anwesend waren unter anderem Alice Schwarzer und Hansjürgen Karge – letzterer ist anscheinend als Staatsanwalt im Fall Michel Friedman durchaus bekannt geworden. Diesem eher medienkritischen Lager saßen eine Kolumnisten (“Gerichtsreporterin”) des Spiegel (Giesela Friedrichsen), ein Promi-Anwalt und Hans-Hermann Tiedje (Ex Bunte/Bild Chefredakteur) gegenüber. Dieses Lager versteifte sich im Laufe der Sendung wesentlich darauf, dass die Staatsanwaltschaften eigenmächtig, vorschnell und illegitim Informationen über die Verfahren an die Presse herausgeben und damit immer wieder verhafteten Prominenten geschadet haben.
Ich habe dieses Verhalten der Staatsanwaltschaften ja auch mehrfach schon sehr erstaunt festgestellt (Tauss, No Angels-Sängerin oder eben Kachelmann) und ging daher durchaus voreingenommen in die Sendung. Die plumpe Art, wie das Medienlager, das jedes “durchgesickerte” Detail aus den Staatsanwaltschaften gleich zu einer Nachricht verwurschten, aber einseitig die Staatsanwaltschaften beschuldigten, fand ich doch etwas befremdlich: Da sitzt eine Gerichtsreporterin, deren Selbstverständnis es anscheinend ist, aus den Informationsbröseln Nachrichten zu stricken und damit direkt vom (vermeintlichen) Fehlverhalten der Staatsanwaltschaften profitiert. Und diese Frau ist nicht in der Lage anzuerkennen, dass ihr eigener Arbeitsplatz vielleicht ein Teil des Problems ist? So hat etwa Hansjürgen Karge mehrfach betont, dass die Staatsanwaltschaften (STA) in den meisten Fällen gar nicht initiativ tätig werden und letztlich nur irgendwann den anrufenden und herbeieilenden Journalisten bestätigen, was diese ohnehin schon wissen – woher auch immer. Nun mag man auch das als Fehlverhalten der STA betrachten – Tatsache ist aber anscheinend, dass die STA in vielen Fällen auch nur auf die Gerüchte, Andeutungen und Nachfragen reagieren, die ihnen an- und zugetragen werden.
Auch hier fand ich den Standpunkt Karges durchaus verständlich: Dieser beklagte, dass den Reportern oftmals jedes Feingefühl abgehe und diese schonungslos alle verfügbaren Informationen publizieren – wie intim oder problematisch diese auch sein mögen. Diese in meinen Augen berechtigte Kritik brachte ihm aber nur verächtliche Kommentare ein. Sein “wo leben wir eigentlich?” wurde von Tiedje mit “im Deutschland des 21. Jahrhunderts” beantwortet, Friedrichsen belehrte ihn etwas später, dass wir ja immerhin in einer Mediengesellschaft lebten und Karges altertümlichen Ansichten – so die unterschwellige Botschaft – doch bitte der Realität anzupassen seien.
Mediengesellschaft? Was soll das bedeuten? Dass die gesellschaftlichen Normen von Medien bestimmt werden? Dass Normen durch die Interessen der Medien eine Einschränkung erfahren? Dass Klatsch- und Tratschjournalismus unter dem Deckmantel des “Gerichtsjournalismus” Pietät und Rücksichtnahme einfach fahren lassen kann? Die Informationsgesellschaft (und das ist sicher eher der Begriff, der hier gemeint ist) hat erstmal wenig mit der Frage zu schaffen, ob und in wie weit Medien das Recht haben, tragische Ereignisse zu instrumentalisieren, um Sensationen zu generieren. Das wurde gerade bei den jüngsten Amokläufen an Schulen offensichtlich, nach denen offensichtlich verstörte und traumatisierte Kinder vor die Kameras gezerrt wurden. Es gibt sicher viele interessante Aspekte, die unsere Gesellschaft als “Informationsgesellschaft” ausweisen. Aber hierbei handelt es sich eben um ein deskriptives Modell, das den Umgang und die Bedeutung von Medien (oder eher: Informationen) in unserer Gesellschaft beschreibt. Es ist kein “Ermächtigungsprinzip”, das vormals/jeher falsches Verhalten seitens der Medien heute plötzlich legitimieren würde.
Aber es kam noch besser: Die Medienvertreter bewiesen nicht nur, dass sie Worthülsen wie “Mediengesellschaft” durchaus für bare Münze nehmen, auch in anderer Hinsicht schien einigen Anwesenden das Reflexionsvermögen abzugehen:
In der Debatte wurde nämlich auch erwähnt, dass Kachelmann sich nach seiner Haftentlassung zu verschiedenen Fragen von Reportern “eingelassen” habe. Karge fand die Ausstrahlung diese Einlassungen sehr problematisch – immerhin würde hiermit die Öffentlichkeit einseitig beeinflusst und das Opfer – so Karge weiter – wolle ja eh niemand senden/hören. Darin irrt sich Karge zweifelsohne: Das (vermeintliche) “Kachelmann-Opfer” im Interview wäre sicher die Art von Sensation, nach der sich jeder (private?) Sender die Finger leckt. Trotzdem ist die Lage asymmetrisch: Vermeintlicher Täter und Medienprofi auf der einen Seite, vermeintliches, unbekanntes Opfer auf der anderen Seite. Während Kachelmann eigentlich wenig zu verlieren hat und durch seine “Öffentlichkeitsarbeit” seinen Ruf aufarbeiten/retten will, ist ein vermeintliches Vergewaltigungsopfer offensichtlich nicht daran interessiert, mit Namen und Bild in allen Medien zu erscheinen. Diese Frage spielte in der Diskussion aber keine Rolle: Viel interessanter war es da anscheinend, ob die öffentlichen Einlassungen Kachelmanns “strategisch” klug waren – ob die Ausstrahlung eben dieser eine unzulässige oder zumindest fragwürdige Einseitigkeit darstellen, war darüber hinaus kein Thema.
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