it's turtles all the way down
Beiträge getaggt mit Hartz IV
Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?
10. Jun
Nachdem unsere Familienministerin sich bei Twitter äußerst “unglücklich” zum Thema Hartz IV geäußert hat, läuft im Netz gerade die Mem-Maschinerie heiß.
Besonders schön dazu ist übrigens Fefes Blog, wo sich verschiedene Bilder zum Thema finden.
Und inhaltlich? Die Schröder hat erneut Beweis gezeigt, wie sie tickt (wie bei ihrem damaligen Cortison-Vergleich). Aber irgendwie ist ja auch Hartz IV “wie Cortison – die Symptome verschwinden, die Ursachen bleiben.” Wenn das kein Argument ist…
Abgeordnete watschen?
03. Mai
“a Watsche” ist im Süddeutschen ja eine “Maulschelle” oder schlicht: Ohrfeige. Eine eben solche scheint sich auch manch Politiker auf der Seite abgeordnetenwatch.de (im übertragenen Sinne) abholen zu wollen, anders zumindest kann ich mir die Geschichte um Ralf Brauksiepe, die dort zu lesen ist, eigentlich nicht erklären. Falls die Ereignisse sich tatsächlich in der dort geschilderten Form zugetragen haben, muss man sich schon fragen, warum die ganze Geschichte bisher eher wie ein Sturm im Wasserglas verlaufen ist.
Ich habe ja großes Verständnis für manchen politischen Grabenkampf und kann mir zumindest vorstellen, was den ein oder anderen Politiktreibenden im Einzelfall zu seinen Äußerungen getrieben haben könnte. Auch mit einer neuen Zunft des virtuellen Politikers – den “Wiefelspütz’ Erben” – habe ich mich zumindest abgefunden. Das aber anscheinend bewusst und absichtlich die eigene verfehlte Politik und das eigene unpopuläre Abstimmungsverhalten wahrheitswidrig dem politischen Gegner zugeschoben wird, halte ich für schlicht bodenlos.
Man kann sich natürlich hinstellen und sagen: “Die Partei X schadet der Wirtschaft – wir sind die wahre Wirtschaftspartei!” und eigentlich keine Ahnung von Wirtschaft haben. Derartige Anmaßungen sind nun wahrlich kein Aufreger mehr. Aber auf eine konkrete Nachfrage hin entgegen den Tatsachen zu behaupten, man habe für eine bestimmte Sache votiert, die Partei Y habe sich aber quergestellt, obwohl (nach Darstellung von abgeordnetenwatch.de) das Gegenteil zutrifft, ist schon eine ganz andere Dimension.
Ich kann nur jeden einladen, sich zu dieser Geschichte selbst ein Urteil zu bilden.
Sarrazin informiert
01. Mrz
Auch ohne Geld kann man glücklich sein! Dieser ganze Wohlstand lenkt doch von den wirklich wichtigen Dingen im Leben nur ab. Eigentlich sollte man vielleicht sogar dankbar sein, wenn man nichts hat. Dann wird man wenigstens nicht zum Warmduscher. Kann sich ja auch keiner mehr leisten, so eine warme Dusche:
Sarrazin äußerte sich auch zur derzeitigen Hartz-IV-Debatte. Er verteidigte die geltenden Sätze und nannte sie ausreichend. Letztlich sei es keine Geldfrage, sondern eine Frage der Mentalität, des Wollens und der Einstellung. “Wo diese fehlt, hilft auch kein Geld, und wo diese da ist, ist das Geld gar nicht so wichtig.”
Als Sparmöglichkeit nannte Sarrazin das Duschen: “Kalt duschen ist doch eh viel gesünder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.” via sz.de
Wir halten fest:
- Hartz IV ist völlig ausreichend.
- Außerdem zählt sowieso die Mentalität und nicht das Geld.
- Und: Man kann ja auch kalt duschen.
- Warmduscher a.k.a. Weicheier sind doof.
Wir danken Herrn Sarrazin für diese Erörterungen.
(Notiz an mich selbst: Weniger zynisch in Zukunft!)
Sarkozys Steuerparadies-Steuer
15. Feb
In Frankreich gibt es ja kein Hartz IV, so dass man dort leider nicht mit Scheindebatten von der Geld- bzw. Kapitalflucht ablenken kann. Entsprechend versucht man einfach, das Problem selbst einzudämmen. Derartiges käme für “unser Guido” natürlich nicht in Frage. Sozialismus und so.
Westerwelle wütet weiter
14. Feb
Westerwelle versucht weiter vom völlig verpatzten Regierungsstart abzulenken, indem er – in bester Oppositionsmanier – weiter über den deutschen Sozialstaat wettert. Ein Neuanfang muss her, findet er.
Westerwelle verhält sich dabei wie ein Sechsjähriger, der wütend über die elterlichen Maßregelungen, die Wände seines Elternhauses mit Fäkalien beschmiert. Zumindest aber erscheint es als eine durchaus unverständliche Respektlosigkeit, wenn Westerwelle so tut, als seien die Sozialleistungen dieses Staates aus dem Ruder gelaufen, weil niemand darauf geachtet habe oder man vielleicht eine Schmarotzer-Nation heranziehen wollte.
Genau umgekehrt wird aber ein Schuh daraus: Das Grundgesetz versucht eine durchaus sinnvolle Abwägung zwischen dem Kapitalismus des Westens und dem Kommunismus (eigentlich sollte man ja Stalinismus sagen) des Ostens. Weder totale Konkurrenz noch totale Vergesellschaftung sollten es sein. Das Grundgesetz markiert – natürlich an einigen Stellen durchaus verwässert – einen dritten Weg.
Nun gehört es wohl zu den großen Lügen unserer Zeit, dass es nur Kommunismus oder Kapitalismus gebe, nur diese zwei Extreme. Auch Westerwelle bedient sich mit Freude dieser Unwahrheit, wenn er alles, was nicht aus der inneren Logik des Kapitalismus heraus erklärbar ist, als Kommunismus / Sozialismus abtut. Was Westerwelle also als “Geschwür” und “Sozialismus” bezeichnet, könnte man vielleicht auch die “Seele” der Verfassung nennen. Es ist nicht die Schwäche, sondern die Stärke unserer Gemeinschaft.
Nun hat Westerwelle natürlich in einem Punkt recht:
“Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet”, sagte Westerwelle. “Mehr und mehr werden diejenigen, die arbeiten in Deutschland, zu den Deppen der Nation.”
Westerwelle sagte, er fände es “geradezu skandalös”, dass eine Kellnerin, wenn sie zwei Kinder habe und wenn sie verheiratet ist, im Schnitt 109 Euro weniger zur Verfügung habe, als wenn sie beispielsweise Hartz IV beziehen würde. Quelle: SpOn
Natürlich muss sich “Arbeit (wieder) lohnen” und natürlich muss jeder von seiner Arbeit leben können. Dass das nicht so ist, ist aber mit Sicherheit nicht den Beziehern Hartz IV anzulasten. Im Gegenteil: Jeder dürfte mittlerweile diese wunderbaren Erhebungen zur Vermögensverteilung in Deutschland kennen. Wie kann man angesichts solch deutlicher Zahlen ernsthaft der Meinung sein, dass das Problem dieser Gesellschaft darin bestehe, dass die Ärmsten der Armen zu viel Geld bekommen? Wie kann man so zynisch sein und sagen “Wenn Hartz IV mehr ist, als das, was Leute verdienen, die extrem wenig haben, müssen wir eben Hartz IV niedriger ansetzen”. Wenn ein Mensch von seiner Arbeit nicht leben kann heißt das doch nicht, dass Leute, die nicht arbeiten (können), auch nicht leben können dürfen. Wenn in einer Gesellschaft Menschen von ihrer Arbeit nicht leben können, dann ist die Verteilungsgerechtigkeit dieser Gesellschaft in Frage zu stellen – und nicht etwa die Institution der Sozialleistung / des Sozialtransfers. Wenn die Menschen, auf deren Arbeit sich der Reichtum einer Gesellschaft gründet, nicht von ihrer Arbeit leben können, dann muss man doch die Verteilung des Geldes in Frage stellen.
Auch in einem anderen Punkt liegt Westerwelle richtig (anders als er denkt, freilich): Nichtstun wird in dieser Gesellschaft belohnt! Natürlich kann man hier nicht ernsthaft die meinen, auf denen die Kochs und Westerwelles dieser Welt herumtrampeln. Ich denke da eher an die Menschen, die von dem Geld, das sie durchs Nichtstun verdienen, nur läppische 25 – 35 Prozent an die Gemeinschaft abdrücken. Dieses Geld nämlich vermehrt sich eben nicht “von selbst”: Es wird von Menschen erarbeitet – eben den Menschen, von denen Westerwelle sagt, ihre Arbeit müsse sich wieder lohnen. Um das umzusetzen, muss man denen ans Portemonnaie, die von jeder Minute Arbeit ihren Anteil abgreifen und dieses Geld der Gesellschaft entreißen.
Auf alle Fälle: Westerwelle
12. Feb
Wunderbar. Während Westerwelle weiterhin an seiner “geistig-politischen Wende” und an seinem Ruf als “Schreihals” arbeitet, schießen sich die Medien allmählich auf ihn ein.
Wirklich schön war endlich mal wieder der Spiegel-Artikel zu dem Thema. Tatsächlich ist es alles andere als hinnehmbar, wenn der Vizekanzler aus primitivsten Überlegungen heraus Millionen von Menschen zu Schmarotzern abstempelt. Wenn man die Rhetorik Westerwelles in diesem Zusammenhang betrachtet, kann man vor seiner “geistig-politischen” Wende wirklich nur erschauern. Dabei wurde Westerwelle immer wieder nahe gelegt, für die von ihm geforderte und wenig unterfütterte Wende doch bitte 5 Euro ins Phrasenschwein einzuzahlen. Dieses Vorwurfs hat er sich nun entledigt: Natürlich geht es bei dieser “Wende” um die Dominanz von Ideen – und in diesem Fall eben um die der Liberalen und noch genauer: Um die Ideen Westerwelles. Ich bin mir sicher, dass unser Außenminister in nächster Zeit noch mehr von seinen wunderbaren Ideen verkünden wird. Kein Wunder: Die 100-Tage-Rückblicke in vielen Medien attestierten der schwarz/gelben Regierung wenn nicht Totalversagen dann doch zumindest Schockstarre oder Planlosigkeit. Die FDP, die sich schon zu den Ursachen und Schuldigen der Wirtschafts- und Finanzkrise sehr bedeckt gehalten hat, kann ihre Ideen zur Lösung dieser Krise nicht vermitteln. Ihrem Ruf als “Wirtschaftspartei” konnte die FDP – auch und gerade wegen dieser unsäglichen Hoteliersspende – kaum gerecht werden.
Was liegt für Westerwelle also näher, als das begründete und sinnvolle Urteil der Verfassungsrichter so zu missdeuten, dass er seine “Leistung muss sich wieder lohnen”-Parolen einmal mehr in die Welt rufen kann.
Dabei hat er sich aber nicht nur deutlich im Ton vergriffen: Westerwelle hat in aller Deutlichkeit seine ideologisch verbrämte Weltsicht zur Schau gestellt und ohne jedes Feingefühl und ohne Rücksicht auf die ernsthaften Hintergründe der aktuellen HartzIV-Debatte die Kinder von HartzIV-Beziehern zu kleinen heranwachsenden Schmarotzern gemacht. Zusammen mit dem unwirklichen Gestammel von “Sozialismus” wird er sich mit seiner Ansprache wenig Freunde gemacht haben, denn gerade konservative Wähler haben nach meiner Erfahrung eine sehr genaue Vorstellung davon, was man der Gesellschaft noch zumuten kann.
Abschließend noch ein wunderschönes Zitat aus dem Spiegelartikel von Thorsten Dörting:
Wenn da etwas richtig faul war im Staate Rom, dann die intellektuell korrumpierte und luxussüchtige Elite. Also das eine Prozent der Bevölkerung, das alle Reichtümer Roms unter sich aufteilte – aber ganz sicher nicht die verarmte Unterschicht.
Vielen Dank dafür.
Studium und Hartz IV
11. Aug
Die Süddeutsche berichtet in ihrer Print-Ausgabe vom 18.07.2009 sowie in ihrer Mittwoch-Online-Ausgabe einen Tag zuvor über die gemeinsame Geisteshaltung, die hinter Hartz IV und dem Bologna-Prozess steckt.
Hier werden tatsächlich interessante Parallelen in der zu Grunde liegenden Geisteshaltung deutlich: Die Paradigmen könnten etwa lauten
- Mangelnde Leistungsbereitschaft: Studenten wie Hartz IV-Bezieher wollen keine Leistung erbringen
- Notwendigkeit der Kontrolle: Ohne fortwährende Kontrolle wird das System unterlaufen, ausgenutzt und ineffizient.
- Notwendigkeit von Bürokratie / Mangelverwaltung: Nur durch einen Apparat von Kontrolleuren und Verwaltern kann sichergestellt werden, dass die (begrenzten) Leistungen so verteilt werden, dass keine zu eklatanten Löcher entstehen.
- Orientierung am worst-case: Relevant bei der Bemessung und Bewertung durch die Administration ist nicht der Idealfall oder überhaupt irgendein Ideal, sondern der schlimmstmögliche Fall: Das System ist hier wie da auf Schmarotzer, Leistungsverweigerer und Totalversager ausgelegt.
- Anti-Humanismus: Der Mensch ist faul und egozentrisch; ein Grundrecht bzw. Menschenrecht auf Bildung bzw. Unterhalt kommt ihm nicht oder nur eingeschränkt zu; Er ist passiver Leistungsempfänger.
Ich denke, es ließen sich noch einige Punkt mehr finden, vieles mag sich überschneiden. Interessant finde diese Aufzählung auch deshalb, weil der neue “Pragmatismus” (oder wie man es auch sonst nennen mag) für sich eben in Anspruch nimmt, unmittelbar auf die “Realität” hin optimiert zu sein. Wie sehr diese Realität aber von der Geisteshaltung der Betrachter abhängt, wird dabei einfach unterschlagen. Das finde ich auch und gerade deshalb erschreckend, weil da auf Grundlage irgendwelcher empirischen Studien “optimiert” wird, deren versteckten Grundannahmen kein Mensch mehr hinterfragt.
Beide Prozesse werden uns langfristig sicher mehr kosten, als angenommen wurde. Bei Hartz IV gibt es heute schon Hinweise darauf, dass dort nicht wirklich Geld eingespart wird – etwa weil laufend Prozesskostenhilfe für Menschen gezahlt werden muss, die (berechtigt!) gegen irgendwelche Sachbearbeiter-Entscheidungen klagen.
Und auch die Verschulung der Universitäten, die mangelnde Förderung des kritischen Denkens, das Verschwinden des Dialogs aus den Seminaren und die Vermengung von Wissenschaft und Wirtschaft werden wir vielleicht auf eine Art bezahlen, die die Realisten, Pragmatiker und Empiriker sicher nicht in ihre Kalkulation berücksichtigt haben.
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