Thema der GnomeShell ändern

Mit der “user theme” Erweiterung für die GnomeShell lassen sich Themen sehr einfach wechseln. Prinzipiell muss dafür nur mit “dconf” der Schlüssel “/org/gnome/shell/extensions/user-theme/name” geändert werden. Damit die Erweiterung die Themen auch findet, müssen diese zuvor im Ordner “~/.themes” abgelegt worden sein.

Um nun das Thema zu ändern, genügt es, folgenden Befehl in der Konsole abzusetzen:

dconf write /org/gnome/shell/extensions/user-theme/name "'DarkGlass'"

Ebenso könnte mit dem Werkzeug “dconf-editor” der entsprechende Schlüssel angepasst werden.

Weil dieses Vorgehen doch eher umständlich ist, gibt es die Erweiterung “themeselector“, die die Möglichkeit, das Thema zu ändern, direkt in die GnomeShell integriert.

Leider scheint diese Erweiterung noch nicht mit der aktuellen Version der GnomeShell lauffähig zu sein und da es nicht mit einer einfachen Anpassung der Versionsnummer in der Datei “metadata.json” getan war, habe ich ein kleines Python-Skript geschrieben, das ebenfalls in der Lage ist, die GnomeShell-Themen auf die Schnelle zu ändern.

Das Skript findet sich hier auf GitHub und sollte mit Python2 und Python3 lauffähig sein. Voraussetzung ist natürlich die Installation der oben erwähnten und verlinkten Erweiterung “user theme”. Außerdem müssen die Bibliotheken für die Anbindung von Python an die GObject-Introspektion installiert sein, unter Ubuntu oder Arch sind diese beispielsweise im Paket “python-gobject” bzw. “python-gobject2″ zu finden.

Wer schnell mal ein paar Shell-Themen ausprobieren möchte, kann ja einen Blick darauf werden.

//edit: Wie Christoph in den Kommentaren erwähnt, steht diese Funktion auch über das “gnome-tweak-tool” zur Verfügung; da das die meisten Shell-Nutzer wohl installiert haben dürften, besteht natürlich kaum Bedarf für ein zusätzliches Skript :) .

Gnome 3.2 – messageTray auf den primären Monitor verschieben

Ich habe gestern einen Blick auf die Beta von Gnome 3.2 gewagt und bin soweit eigentlich zufrieden: Die GDM-Anmeldebox passt nun besser zum Standard-Thema der Gnome-Shell und die messageTray wird jetzt anscheinend nicht mehr ganz so schlimm mit Benachrichtigungen zugepflastert. Auch der neue Manager für Wechselmedien springt sofort ins Auge.

Etwas frustrierend war für mich aber der Umstand, dass die messageTray bei mir nicht mehr auf dem primären Bildschirm, sondern dem meist abgeschalteten Zweitbildschirm dargestellt wurde. Mit ein paar Handgriffen lässt sich die messageTray aber wieder auf den “richtigen” Bildschirm befördern.

Schritt 1: messageTray.js

Im ersten Schritt wird die Datei /usr/share/gnome-shell/js/ui/messageTray.js mit Root-Rechten bearbeitet. Dabei wird in der Funktion _setSizePosition die Zeile

let monitor = Main.layoutManager.bottomMonitor

durch folgende Zeile ersetzt:

let monitor = Main.layoutManager.primaryMonitor

Schritt 2: layout.js

Auch die Datei /usr/share/gnome-shell/js/ui/layout.js wird mit Root-Rechten bearbeitet. In der Funktion _updateTrayBarrier wird die Zeile

let monitor = this.bottomMonitory

durch folgende Zeile ersetzt:

let monitor = this.primaryMonitor

In der Funktion _updateBoxed wird parallel verfahren: Jedes Vorkommen von “bottomMonitor” im Zusammenhang mit der messageTray wird durch “primaryMonitor” ersetzt. So wird aus:

this.trayBox.set_position(this.bottomMonitor.x, this.bottomMonitor.y + this.bottomMonitor.height); 
this.trayBox.set_size(this.bottomMonitor.width, -1);

this.trayBox.set_clip(0, -this.bottomMonitor.height, this.bottomMonitor.width, this.bottomMonitor.height);

dieses hier:

this.trayBox.set_position(this.primaryMonitor.x, this.primaryMonitor.y + this.primaryMonitor.height);
this.trayBox.set_size(this.primaryMonitor.width, -1);

this.trayBox.set_clip(0, -this.primaryMonitor.height, this.primaryMonitor.width, this.primaryMonitor.height);

Schritt 3: Shell neu starten

Um die Änderungen wirksam zu machen, wird die Shell neu gestartet. Dazu genügt es im Ausführen-Dialog von Gnome3 (ALT+F2) das Kürzel “r” abzusetzen.

 

Kurztipp: Login-Maske auf dem falschen Bildschirm

Im Multi-Monitor-Betrieb zeigt GDM die Login-Maske für gewöhnlich auf dem Monitor, auf dem der Mauszeiger sich aktuell befindet. In meinem Fall ist das leider öfter mal der Zweitbildschirm.

Damit dieser zusätzliche Stromverbraucher nicht unnötig an- und ausgeschaltet werden muss, kann man GDM durch einen kleinen Kniff dazu zwingen, den Mauszeiger auf dem “richtigen” Monitor zu platzieren.

Dazu wird lediglich das Programm xdotool benötigt. Durch folgende Zeile am Ende (jedoch vor dem “exit 0″) der Datei  /etc/gdm/Init/Default wird der Mauszeiger beim Start von GDM an die gewünschte Stelle gebeamt:

xdotool mousemove 500 500

Die beiden letzten Ziffern geben dabei die Koordinaten des Mauszeigers an (gemessen von der linken, oberen Bildschirmecke).

//update:
Es ist natürlich die linke, obere Ecke. Fixed.

Kurztipp: Datei löschen unter Gnome3

Wer unter Gnome3 eine Datei oder einen Ordner in den Müll befördern möchte, wird sich zunächst wundern: Das Tastenkürzel “Entf” zeigt keine Reaktion. Tatsächlich spring Nautilus unter Gnome3 erst durch die Tastenkombination “STRG+Entf” in den Abfallbeseitigungsmodus.

Um das zu ändern, kann kurzzeitig die Option “can-change-accels” mit dem dconf-editor (der unter Umständen noch nachinstalliert werden muss) aktiviert werden. Diese findet sich im Pfad “org.gnome.desktop.interface”. Ist das entsprechende Häckchen gesetzt, wird in Nautilus eine beliebige Datei markiert. Danach wird der Mauszeiger im Menü Bearbeiten auf den Punkt In den Müll verschieben gesetzt – ohne zu klicken. Es kann nun eine neue Tastenkombination festgelegt werden – in unserem Fall durch das Drücken von “Entf” (ggf.  zwei Mal drücken).

Die Option “can-change-accels” kann danach wieder deaktiviert werden.

freiesMagazin – Python Sonderausgabe

Das freieMagazin hat eine Python-Sonderausgabe veröffentlicht, in der die bisher erschienenen 6 Teile meiner Python-Einführung, die ich nun seit etwa einem halben Jahr für das freieMagazin schreibe, zusammengefasst wurden.

Wer die Reihe noch nicht kennt, kann mit der Sonderausgabe ja mal einen Einstieg wagen. Und auch so ist diese Zusammenstellung vielleicht nochmal eine ganz nette Übersicht für Anfänger.

Ganz lieben Dank an dieser Stelle übrigens an Christian Hausknecht, der mir seit dem zweiten Teil der Reihe als geduldiger und kompetenter Korrektor zur Seite steht!

pyInputStats – Statistiken für Eingabegeräte

Funktastaturen und -mäuse sind in Sachen Energiehunger heute sicher nicht mehr mit den ersten Exemplaren ihrer Gattung zu vergleichen. Dennoch frage ich mich bei jedem Batteriewechsel, ob “die paar” Tastendrücke und Mausschubser tatsächlich den Batteriehunger meiner handbetätigten Eingabegeräte rechtfertigen.

Wie viele Tastendrücke, Mausklicks und Mausbewegungen so eine Batterie aushält, wäre doch eigentlich interessant zu wissen. Und überhaupt – was setze ich über meine Tastatur täglich so ans System ab?

Zur Beantwortung solcher Fragen gibt es zahlreiche Tools, teilweise sogar für Linux-Systeme. Das Programm “WhatPulse” beispielsweise ist “sogar” Freeware – aber eben auch “nur” Freeware. Als Möchtegern-Entwickler juckt es mich da direkt in den Fingern, mir das gute, alte xlib nochmal anzusehen – da müsste doch was zu machen sein….?

Herausgekommen ist das kleine Programm “pyInputStats”. Es klinkt sich mit der Record Extension (PDF) in die Tastatur- und Mausereignisse ein und kann so Statistiken über Mausklicks, gedrückte Tasten und Cursorbewegungen erstellen. Die Daten werden dabei so einer SQLite-Datenbank abgelegt, dass keine Rückschlüsse auf konkrete Texteingaben möglich sind. Im Normalbetrieb läuft das Programm weitestgehend unsichtbar und legt lediglich ein Icon im Systray ab. Erst nach einem Klick auf das kleine Lineal kommen die Grafiken zum Vorschein.

Was lässt sich mit dem Programm ablesen?

pyInputStats kann die gesammelten Daten auf unterschiedliche Weise darstellen:

  • Gesamtzahl aller Tastenanschläge und Mausklicks. Zurückgelegte Cursor-Meter.
  • Durchschnittliche Cursor-Meter, Tastenanschläge und Mausklicks.
  • Tages-Übersicht: Darstellung dieser Daten für einen bestimmten Tag – mit grafischer Darstellung des Tagesverlaufs.
  • Monats-Übersicht: Grafische Darstellung der Daten über einen gegebenen Monat.
  • Tasten-Statistik: Wie oft wurde welche Taste gedrückt?

Probleme und Anmerkungen

Das Skript ist dahingehend recht effizient, als dass es nicht ständig nach neuen Tasten- und Mausinformationen pollt, sondern sich direkt von der xlib über derartige Ereignisse benachrichtigen lässt. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass durch das Skript bei jedem Tastendruck und jeder Mausbewegung verschiedene Zähler hochgezählt werden müssen. In der Praxis macht sich dies jedoch nicht bemerkbar – zusätzlicher und eigentlich unnötiger Ballast ist es natürlich dennoch.

Auch sei darauf hingewiesen, dass sich mit dem Programm keine Texteingaben nachvollziehen lassen – es eignet sich also nicht als Keylogger. Allerdings wird schon protokolliert, in welchem Zeitabschnitt wie oft geklickt wurde, wie weit die Maus bewegt wurde und wie viele Tastenanschläge gemacht wurden. Wie in dem oben verlinkten Bild zu sehen, lässt sich aus diesen Daten durchaus ablesen, wann der PC wie intensiv genutzt wurde – eine durchaus sensible Information.

Die grafische Darstellung der Daten ist noch nicht ganz ausgereift. Gerade bei der ersten Nutzung werden vermutlich negative Werte etc. angezeigt. Bereits nach wenigen Minuten sollten die Grafen aber vernünftige Werte anzeigen.

Schließlich und letztlich bietet das Programm die Möglichkeit an, einen Autostart-Eintrag für den derzeitigen Nutzer anzulegen, so dass das Programm bei jeder Anmeldung gestartet wird. Diese Funktion ist derzeit noch etwas fehleranfällig, weswegen im Zweifelsfall händisch ein Autostart-Eintrag angelegt werden sollte.

Abhängigkeiten

Benötigt werden unter anderem die Pakete:

  • python-xlib
  • python-pysqlite2

sowie gegebenenfalls:

  • python-setuptools

Installation

Wie immer findet sich das Projekt bei Launchpad. Ein beherztes bzr branch lp:pyinputstats befördert Quellen auf das lokale System, wenn Bazaar installiert ist. Ansonsten kann das Paket natürlich auch ganz normal heruntergeladen werden.

Eine Installation ist grundsätzlich nicht notwendig – das Skript kann aus dem Skript-Verzeichnis mit python pyinputstats gestartet werden. Wer das Skript dennoch im System verankern möchte, kann einfach den Befehl python setup.py install mit Root-Rechten ausführen.

Probleme und Fehler bitte ich im Launchpad-Bugtracker oder hier in den Kommentaren zu notieren. Dafür schonmal vielen Dank! Und jetzt heißt es: Wer schafft die meisten Tastenanschläge am Tag? Mein erstes Gebot lautet 36.676.

Matusseks Meinung

Mit der eigenen Meinung ist es so eine Sache: Löblich ist es, sich eine solche kritisch zu bilden. Unerlässlich ist es aber, dabei zu bedenken, dass andere Menschen gleichermaßen vorgehen und dabei vielleicht zu anderen Schlüssen kommen. Andersdenkende als “dumm, naiv und phantasielos” zu bezeichnen ist daher weder rhetorisch noch charakterlich überzeugend.

Nun mag Til Schweiger ein Intellektueller sein (wie im Video behauptet) oder nicht – der Verfasser dieser Zeilen maßt sich darüber kein Urteil an – zweifelsohne ist der dem Großteil der Bevölkerung aber eher als Schauspieler bekannt. Ganz anders liegt die Sache bei Matthias Matussek. Dem streitbaren Journalisten sind die Mechanismen der Meinungsbildung und -mache sicher hinlänglich bekannt. Was aber auch ihn nicht davon abzuhalten scheint, seine Meinung gelegentlich als Maß der Dinge zu empfinden.

Der Zölibat-Kritiker in den Augen Matusseks

In der Diskussion um den Zölibat jedenfalls hat er die Medienlandschaft um diesen SpiegelOnline-Artikel bereichert, in dem er mit den Zölibat-Kritikern ins Gericht geht:

  • “das gewöhnliche Reformbrausen in den Laienrängen”
  • “Wieder einmal steigen die »kritischen« Laien auf die Barrikaden”
  • “Die gewissen »katholischen Kreise und Schichten«, von denen der Papst in seinem Buch »Licht der Welt« gesprochen hatte, »die nur darauf warten, auf ihn einzuschlagen«, machen schon jetzt [...] mobil.”
  • Kniefall vor dem Zeitgeist
  • “totale theologische Abrüstung”
  • “Das allein sollte einen leichten Vorgeschmack liefern auf den babylonischen Zustand, der eintritt, wenn Redakteure die Lehrmeinung der katholischen Kirche bestimmen.”

Leichtgewichtige Argumente

Bei der Untermauerung seiner Kritik der Kritiker gibt sich Matussek allerdings weniger Mühe als bei dem Versuch, die Kritiker des Zölibats mit aller Wortgewalt als zeitgeisthörige Laiennörgler hinzustellen, die auch den letzten Tropfen Glaubensessenz gegen etwas mehr Wohlfühlflair im sonntäglichen Gottesdienst mit “hab-dich-lieb”-Atmosphäre eintauschen würden.

Der zölibatäre Priester “kennt die Welt und ist so lebensklug wie jener Kartäusermönch in dem Film »Von Menschen und Göttern«”. Statt das Priesteramt zu beschreiben, wie es ist, widmet sich Matussek also anscheinend lieber dem Priesteramt, wie es wäre, wenn es wäre, wie er es gerne hätte. Interessante Variante.

Der “Zölibat als Markenkern” der katholischen Kirche (wie von Matussek angeführt) vermag ebenfalls nicht zu überzeugen. Selbst wenn man diese abstruse marktwirtschaftliche Analogie mitträgt: Dass ausgerechnet das ehelose Priesteramt den Kern der Marke “Katholizismus” ausmacht, darf doch bezweifelt werden. Auch die gute alte Dammbruch-Argumentation lässt Matussek nicht aus: Wer den Zölibat nicht will, der will womöglich die “totale theologische Abrüstung”: Schwule oder geschiedene Priester, “Priesteramt für jeden” und “Diakonie im Instantverfahren” – da kann man ja gleich zu den Protestanten gehen, meint Matussek:

Wir Katholiken wären vom Hahn gehackt, es Protestanten gleichzutun, schon aus markentechnischen Gründen. Statt eine schlechte lutheranische Kopie sollten wir das katholische Original bleiben, und wo wir es verloren haben, uns bemühen, es wieder zu werden.

Von der Entwicklung eingeholt

Was will man sagen: Der Matussek-Artikel taugt kaum zum Aufreger. Interessant wird er aber durch mindestens zwei jüngere Veröffentlichungen: So wurde bekannt, dass Ratzinger – zur Zeit als katholischer Papst engagiert – in den 70er Jahren selbst eine kritische Prüfung des Zölibats forderte. Ebenso zeigt das gestern veröffentlichte Schreiben 144 deutschsprachiger Theologen deutlich, dass die Infragestellung des Zölibats kein Hobby nörgelnder Laienkatholiken ist, die einen Katholizismus Light nach dem Vorbild der Protestanten anstreben.

Nun sind dies vielleicht nur 144 + 1 Meinungen mehr oder minder bekannter Zölibat-Skeptiker. Sie zeigen aber, dass man auch und vielleicht gerade in der katholischen Kirche ganz legitim über gewisse Institutionen nachdenken darf, ohne sich von Besser-Katholiken wie Matussek ins rhetorische Abseits stellen lassen zu müssen:

Wer aber von vornherein eine solche Klärung für überflüssig hält, scheint uns wenig Glauben an die Kraft dieser Empfehlung des Evangeliums und an die Gnade Gottes zu haben, von der er dann an anderer Stelle wieder behauptet, sie – also nicht das bloße ,Gesetz’ – wirke diese Gnadengabe Christi.

Der “Aktionskreis Regensburg” hat das Memorandum, das eine Überprüfung des Zölibats fordert und auch vom jetzigen Papst unterschrieben wurde, unter dem Titel “Aus dem Archiv. Den Unterfertigten zur Erinnerung” veröffentlicht. Ich denke, dass das gerade hinsichtlich der zuvor zitierten Textpassage gilt. Diese sei Matthias Matussek ganz besonders ans Herz gelegt.

Georg Simmel und das digitale Radiergummi

Das “vergessliche Internet” oder das “digitale Radiergummi” geistern seit einiger Zeit immer wieder durch die Medien. Bei Thomas de Maizière und Ilse Aigner stehen diese Konzepte – wie sie zu betonen nicht müde werden – recht weit oben auf der Agenda. Dabei wird unter dem “vergesslichen Internet” wohl letztlich eine Vielzahl von Maßnahmen subsumiert die dann zusammen die Verbraucher besserstellen sollen.

Eigene Bilder löschen

So sollen beispielsweise die Rechte der Anwender gegenüber den verschiedenen “Content Providern” gestärkt werden: Wer bei Facebook & Co also ein Bild hochgeladen hat, soll auch auf die Löschung bestehen können. Dies ist heute grundsätzlich schon möglich, allerdings lässt sich laut Wikipedia Facebook beispielsweise in seinen AGB das Recht zugestehen, hochgeladene Bilder für kommerziele und andere Zwecke zu nutzen. Hier könnten Gesetze die Situation des Anwenders stärken.

Diese Überlegungen sind weitestgehend unproblematisch. Wenn Betroffener und Urheber des Bildes identisch sind, ist eine Löschung des Inhalts leicht durchzusetzen (zumindest rechtlich). Problematisch wird es nur da, wo der Nutzer (vielleicht unbewusst) bei der Registrierung bei einem Portal dem Anbieter weitgehende Nutzungsrechte an seinen Inhalten einräumen muss. Derartige Nutzungsrechte sind aber nun prinzipiell nicht ungewöhnlich und greifen die Urheberschaft des Schöpfers in keiner Weise an. Wie genau möchte der Staat hier also gesetzlich nachbessern?

Fremde Bilder gar nicht erst finden

Natürlich ist derjenige, der sich an einem Bild stört, nicht immer mit demjenigen identisch, der das fragliche Bild im Internet verbreitet. Für derartige Fälle denkt de Maizière an die Möglichkeit, verunglimpfende Inhalte von den Suchmaschinen erst gar nicht indexieren zu lassen. Der Betroffene hätte demnach also die Möglichkeit, einer Suchmaschine die Erfassung und Verlinkung unliebsamer Inhalte zu untersagen. Was nicht im Index einer der großen Suchmaschinen steht, existiert de facto nicht – so das Kalkül dieser Maßnahme.

Der Vorteil dieser Variante ist zweifelsohne, dass ein Betroffener in vielen Fällen kaum die Möglichkeit hat, alle Kopien eines diffamierenden Bildes aus dem Netz entfernen zu lassen (Streisand-Effekt). Die Server könnten in unterschiedlichen Ländern stehen, vielleicht sind die Provider nichteinmal zur Kooperation bereit oder verpflichtet. Die Suchmaschinen als Informations-Flaschenhals sind in dieser Hinsicht also eindeutig die beste Anlaufstelle.

Abgesehen davon, dass man es aber durchaus problematisch finden kann, dass jeder Bürger das Recht erhalten soll, als Privat-Zensor aufzutreten, stellt sich aber auch die Frage, wie Grenzen definiert und umgesetzt werden. Welche Inhalte also kann ein Nutzer aus den Suchindizes löschen lassen? Strafrechtlich relevante? Zivilrechtlich relevante? Genügt schon die bloße Peinlichkeit oder irgendein Kontext, in dem man seinen Namen lieber nicht sehen möchte? Gibt es ein Recht am eigenen Namen? Was ist mit dubiosen Firmen und Geschäftemachern? Wer unterscheidet also legitime Kritik an einer Person und illegitime Bloßstellung? Was ein bekannter Geschäftsmann als Satire und Kritik ertragen muss, kann einer Privatperson schon schlaflose Nächte bereiten. Entscheiden die Suchmaschinen über die Berechtigung solcher Anfragen? Auch hier scheint es also eine Reihe von Fragen und Problemen zu geben, die aus dieser “unbürokratischen Maßnahme” ein wahres Verwaltungsmonster machen könnten.

Das Haltbarkeitsdatum

Das “digitale Radiergummi” für Bilder und andere Inhalte wird oft auch als “Haltbarkeitsdatum” bezeichnet. Ein Nutzer soll demnach die Möglichkeit haben, Bilder mit einem Haltbarkeitsdatum zu versehen. Ist dieses Datum verstrichen, soll es nicht mehr möglich sein, das fragliche Bild zu betrachten. Hierbei handelt es sich um eine rein technische Lösung, die besonders von Ilse Aigner eingefordert wird. So möchte die Ministerin dem Internet das Vergessen beibringen.

Dabei wird freilich so getan, als ob das Internet gewissermaßen die absurde Besonderheit besäße, einmal darin verbreitete Bilder nicht einfach wieder zu verlieren. Vom menschlichen Gedächtnis einmal abgesehen ist es aber durchaus selbstverständlich, dass einmal angefertigte und verbreitete Artefakte (dazu können Schriftstücke, Bilder, Büsten, Videos und eigentlich jede andere Ausdrucks- und Darstellungsform gehören) nicht einfach wieder verschwinden. In dem Moment, in dem wir etwas artikulieren, macht sich die Welt unseres Gedanken und unseres Werkes zu eigen (“publizistische Enteignung” könnte man das nennen). Wir haben dann in der Regel keinen Einfluss mehr darauf. Ob Schnackseln, Nazi-Vergleiche oder Sarrazin: In den Nachrichten diskutieren wir regelmäßig Aussprüche von Personen, die in der Regel alles ganz anders gemeint haben wollen.

Die implizite Behauptung also, dass das Internet uns gewissermaßen mit der neuen Problemstellung des “Langzeitgedächtnisses” und der “publizistischen Enteignung” konfrontiert, ist in der Form wohl kaum aufrecht zu halten. Wirklich neu am Internet ist, dass die Zugangshürden (in der westlichen Welt) kaum mehr vorhanden sind, dass jeder jeder Zeit veröffentlichen kann und dies tatsächlich auch tut. Gleichzeitig scheint das Netz auf merkwürdige Weise horizontal aufgebaut zu sein: Während die Zeitung von gestern schon kaum mehr aufzutreiben sein dürfte und jene von vor einem Jahr nur noch aus irgendwelchen Archiven gekramt oder im E-Abo digital eingesehen werden kann, ist im Internet immer alles gleichermaßen verfügbar und vorhanden. Das mag eine neue Qualität haben und unseren Alltag verändern – als Phänomen ist es aber eben durchaus bekannt.

Georg Simmel

So hat der deutsche Kulturphilosoph Georg Simmel schon 1919 (als es in Deutschland nicht einmal regelmäßigen Programmbetrieb im Hörfunk gab) beschrieben, wie das Subjekt im kulturellen Prozess fortwährend entmündigt wird:

Der Geist erzeugt unzählige Gebilde, die in einer eigentümlichen Selbständigkeit fortexistieren, unabhängig von der Seele, die sie geschaffen hat, wie von jeder anderen, die sie aufnimmt oder ablehnt.

So sieht sich das Subjekt der Kunst wie dem Recht gegenüber, der Religion wie der Technik, der Wissenschaft wie der Sitte – nicht nur von ihrem Inhalt bald angezogen, bald abgestoßen, jetzt mit ihnen verschmolzen wie mit einem Stück- des Ich, bald in Fremdheit und Unberührbarkeit gegen sie; sondern es ist die Form der Festigkeit, des Geronnenseins, der beharrenden Existenz, mit der der Geist, so zum Objekt geworden, sich der strömenden Lebendigkeit, der inneren Selbstverantwortung, den wechselnden Spannungen der subjektiven Seele entgegenstellt; als Geist dem Geiste innerlichst verbunden, aber eben darum unzählige Tragödien. an diesem tiefen Formgegensatz erlebend: zwischen dem subjektiven Leben, das rastlos, aber zeitlich endlich ist, und seinen Inhalten, die, einmal geschaffen, unbeweglich, aber zeitlos gültig sind. (Quelle)

Simmel beschreibt hierin “Kultur” als eine gewissermaßen tragische Praxis, bei der das Subjekt immer wieder mit der Erfahrung konfrontiert wird, dass nur Veräußertes fortbestehen kann, dass aber einmal Veräußertes sich auf merkwürdige Weise dem eigenen Zugriff entzieht und fortan teil der Umwelt wird, die kontinuierlich auf das Subjekt einwirkt.

Simmel und das Haltbarkeitsdatum

Übertragen auf das Haltbarkeitsdatum der Ilse Aigner könnte man demnach die Frage formulieren, ob die Entmündigung, die Aigner zu bekämpfen trachtet, nicht ohnehin immer schon in unserer Kultur angelegt ist. Denn zweifelsohne sind die Bilder, die Aigner in ihrer Vorstellung mit einem Haltbarkeitsdatum versehen möchte, zunächst für die Öffentlichkeit gedacht – ansonsten bräuchte es das Haltbarkeitsdatum nicht. Nur möchte Aigner die Möglichkeit schaffen, nach der Publikation weiter Einfluss auf die Verbreitung zu nehmen. Sie möchte das “Geronnene” wieder verflüssigen, das Objektivierte wieder subjektivieren.

Aigner möchte technisch ein Problem lösen, das letztlich kein technisches Problem ist, sondern schlicht Ausdruck unserer kulturellen Verfasstheit. Das “digitale Vergessen” einzufordern und mit Schaudern daran zu denken, dass einmal im Netz Publiziertes sich weiterer Einflussnahme weitestgehend entzieht, erscheint mit Rücksicht auf Simmel gleichermaßen aussichtslos wie fragwürdig:

Kultur ist der Weg von der geschlossenen Einheit durch die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit.

Anders ausgedrückt: Der tragische Dualismus zwischen Subjekt und Objekt wird nicht aufgelöst, indem wir durch technische Maßnahmen der Objektivierung Einhalt gebieten. Vielmehr ist für Simmel “Kultur” Ausdruck des Bemühens, diesen Dualismus zu überwinden und Subjekt und Objekt ineinander aufgehen zu lassen. Stark vereinfacht würde ich daraus die Frage destillieren, ob ein solches “digitales Haltbarkeitsdatum” nicht eine Kapitulation vor unserem medialen Miteinander bedeutet und in eine der vielleicht bedeutsamsten Erfindungen im Kommunikationsbereich einen wackeligen Selbstzerstörungsmechanismus implementiert. Die sozialen/kulturellen Möglichkeiten und Implikationen des Internets sind als eben solche Herausforderungen zu begreifen, mit denen wir umzugehen lernen sollten. Es sind keine technischen Probleme.

David gegen Goliath?

Die FAZ lästert gerade ein wenig über die Aufregung bezüglich der Pfändung von nerdcore.de:

Zusammengefasst sieht es so aus, als fühle sich die Blogosphäre wieder einmal kollektiv angegriffen, nur weil einer von ihnen auf Recht und Gesetz verwiesen wird, sich deren Bestimmungen aber nicht unterwerfen will sondern mit Vergeltung droht. Als müsse wieder einmal der Kampf zwischen David und Goliath heraufbeschworen werden[...]

Nicht besonders schmeichelhaft für die FAZ ist natürlich, dass sie sich damit *gähn* des wenig neuen Topos “das Internet ist kein rechtsfreier Raum!” bedient und dazu noch ein wenig eifersüchtelnd auf die Blogosphäre zu schielen scheint – eine (recht unspezifische) Gruppe, die sich immerhin überhaupt noch ab und an über (vermeintliche?) Missstände zu echauffieren vermag. Stattdessen berichtet die FAZ online lieber über so staatstragende Fragen wie die, ob Ursula Sarrazin eine schlechte Lehrerin ist oder schlachtet Schäubles Position innerhalb der Regierungskoalition aus.

Auch wenn der Betreiber von nerdcore.de die jetzige Situation zu einem guten Teil mitverschuldet hat – so wie ich das sehe hätte er ja durchaus rechtzeitig auf Abmahnung oder Vorladung reagieren können oder die eingeforderte Summe begleichen können – finde ich es schon recht fragwürdig, dass nun ausgerechnet der Domainname gepfändet wurde. In Zeiten, in denen DNS-Sperren als ernstzunehmende Maßnahmen gegen Kriminalität im Internet erwogen werden, hat die Pfändung eines Domainnamens in meinen Augen schon einen bitteren Beigeschmack. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass der Gegner damit gleich auch ein Stück weit mundtot gemacht werden soll. Und ja: Darüber kann man sich durchaus aufregen.

Was die Firma Euroweb angeht: Diese scheint sich in der Sache mit dem Domain-Pfänden gleich in dreifacher Hinsicht verkalkuliert zu haben. So zitiert Spreeblick die Firma beispielsweise:

Die Einnahmen aus der Versteigerung gehen zu 50% an Wikipedia und zu 50% an freischreiber e.V.

Nun ist es aber so, dass

  1. die Freischreiber sich schon dahingehend geäußert haben, dass sie das Geld von der Firma vielleicht gar nicht haben wollen,
  2. sich in der Wikipedia auch ein leichter Widerstand gegen Spenden aus dieser Quelle zu regen scheint und
  3. die Firma (nach Udo Vetter) ohnehin nur über die Teile des Erlöses aus der Versteigerung der Domain verfügen kann, die zur Begleichung der Forderungen nötig sind (edit: Thomas Stadler sieht das anders). Darüber hinaus deutet Vetter übrigens auch an, dass es im Normalfall durchaus auch weniger einschneidende Möglichkeiten gibt, an sein Geld zu gelangen.

Im Übrigen halte ich die derzeitige Übergangsseite (“Neue Erfahrung für Blogger: Blogbetreiber verliert seine Domain nerdcore.de”) auf nerdcore.de auch für ein kleines PR-Desaster: Wer auf der einen Seite großspurig Geldspenden verspricht, auf der anderen Seite aber nichteinmal seine Häme gegenüber dem Bepfändeten verbergen kann, erklärt sich vielleicht doch etwas vorschnell zum moralischen Sieger einer Schlammschlacht, die man sicher auch besonnen umschiffen hätte können, ohne dabei auf die Durchsetzung seiner Rechte zu verzichten.

“kriegsähnlich” oder “wie im Krieg”?

Zur Zeit geht die Meldung um, Angela Merkel habe den Afghanistan-Einsatz “Krieg” genannt. Ich möchte hier gar nicht über die Natur des Einsatzes diskutieren oder die Implikation einer offiziellen Einschätzung als “Krieg” mutmaßen.

Was mich nur wundert: Die Passage, auf die sich die verschiedenen Meldungen stützten, lautet wie folgt:

Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat

Ist das gleichbedeutend mit “den Afghanistan-Einsatz »Krieg« nennen”? Wohl kaum. Wenn man die Guttenberg-Formel (“kriegsähnliche Zustände”) und die Merkel-Formel (“Kämpfe, wie man sie im Krieg hat”) nebeneinander stellt, scheint beides doch recht ähnlich zu sein. Bei Guttenberg sind die Zustände denen eines Krieges ähnlich, bei Merkel sind die Kämpfe wie jene, die man in einem Krieg hat. Weder spricht Guttenberg von Kriegszustand, noch spricht Merkel von kriegerischem Handeln. Und ich frage mich: Liegt der große Unterschied der beiden Aussagen nicht bestenfalls darin, dass Guttenberg von “Zuständen” und Merkel von “Kämpfen” spricht? Guttenberg sieht immerhin noch eine generelle Ähnlichkeit – die Zustände und damit eigentlich die Gesamtsituation sei kriegsähnlich. Bei Merkel ist ein Teilaspekt der Gesamtsituation (die Kämpfe) wie ein Teilaspekt eines Krieges. Das hätte die Definition Guttenbergs auch noch hergegeben: Ähnlichkeit ist doch nichts anderes als die Übereinstimmung in Teilaspekten!

So deutlich wie nie soll das sein? Vermutlich liegt der einzige Unterschied tatsächlich darin, dass Merkel das Substantiv “Krieg” benutzt hat, Guttenberg aber nur das Adjektiv “kriegsähnlich”. So gesehen hat Merkel tatsächlich eindeutig von “Krieg” gesprochen – sie hat das Wort benutzt. Einen großen Bedeutungsunterschied vermag ich darin aber nicht zu erkennen.